Spielplan: Vor Sonnen­untergang

Gerhart Hauptmann

Vor Sonnenuntergang

Theater in der Josefstadt

Premiere: 03. 09. 2015

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Besetzung

Regie
Janusz Kica
Bühnenbild und Kostüme
Karin Fritz
Matthias Clausen, Geheimer Kommerzienrat
Michael König
Wolfgang Clausen, sein Sohn, Professor der Philologie
Christian Nickel
Egmont Clausen, genannt Egert, des Geheimrats jüngster Sohn
Alexander Absenger
Bettina Clausen, Tochter des Geheimrats
Pauline Knof
Ottilie Klamroth, Tochter des Geheimrats
Marina Senckel
Erich Klamroth, Ottiliens Mann, Direktor in den Clausenschen Betrieben
Raphael von Bargen
Paula Clothilde Clausen, geborene von Rübsamen
Martina Stilp
Dr. Steynitz, Sanitätsrat, Hausarzt und Hausfreund bei Clausens
Siegfried Walther
Hanefeldt, Justizrat, geschmeidiger Herr
Nikolaus Okonkwo
Immoos, Pastor
Alexander Strobele
Geiger, Professor an der Universität Cambridge, alter Freund des Geheimrats Clausen
André Pohl
Dr. Wuttke, Privatsekretär des Geheimrats
Matthias Franz Stein
Frau Peters, geborene Ebisch
Therese Lohner
Inken Peters, ihre Tochter
Martina Ebm
Winter, Diener bei Geheimrat Clausen
Alexander Waechter
Oberbürgermeisterin
Susanna Wiegand

Inhalt

Woher nehmt ihr das Recht zu eurem unverschämten Verhalten? Etwa daraus, dass ihr anspruchsvolle, verwöhnte, unter Sorgen und Mühen eurer Eltern großgepäppelte Bälger seid? Bin ich euer Geschöpf? euer Gegenstand? euer Eigentum? Oder aber ein freier Mensch mit dem Recht auf freie Entschließungen?
Matthias Clausen (www.josefstadt.org)

Der siebzigjährige Geheime Kommerzienrat Clausen liebt eine etwa vierzig Jahre jüngere Frau. Doch weder seine Familie noch seine Umgebung haben Verständnis für die späte Liebe des alten Mannes. In aller Radikalität kämpft Clausen um sein Glück, um die Sonne, die für ihn wieder aufgegangen ist. Seine Kinder wiederum kämpfen verbissen um ihr Erbe, um die Firma. Clausens geistiger Verbündeter bei seiner Revolte ist ausgerechnet Goethe: der Dichter, der Mensch, der Anhänger eines heidnisch-dionysischen Sinnenlebens. Am Ende triumphiert die Generation der Erben, die das Lebenswerk der Eltern verwaltet – und eine Zeit, die nicht mehr vom Geist des Humanismus durchdrungen ist, sondern, wie Hauptmann schreibt, "mehr und mehr ihren einzigen Zweck im Profitmachen" sieht.

Die Uraufführung von Vor Sonnenuntergang am 16. Februar 1932 im Deutschen Theater ist Hauptmanns letzte große Premiere und die letzte bedeutende Premiere in der Weimarer Republik überhaupt. Schon der Titel Vor Sonnenuntergang gibt zu erkennen, dass es sich hier um einen vom Dichter selbst so empfundenen Einschnitt handelt und um das Ende der Epoche, die einst mit Vor Sonnenaufgang eingesetzt hatte. Dass das Drama vom sang- und klanglosen Untergang des Geheimrats Clausen den bewussten Abschied von einem Zeitalter darstellt, in dem "Geist" und "Macht" einander bisweilen durchdrungen oder zumindest streckenweise nebeneinander existiert hatten, ist eine nicht nur im Rückblick verlockende These.
Noch ist kein Jahr seit der Uraufführung vergangen, als Hauptmann 1933 in seinem Tagebuch kommentiert: "Stimmung vor Sonnenuntergang. Das Stück ist inzwischen geschrieben. Der Zustand scheint sich erst jetzt zu vollenden. Die Vergangenheit kapselt sich ab ... Das Geistige steht nicht mehr im Vordergrund. Es ist in Gefahr zu verschwinden."
Wolfgang Leppmann (www.josefstadt.org)

 

Pressestimmen

Mit der Auftaktinszenierung des Wiener Josefstadt-Theaters gibt es ein Muster an Differenzierungskunst zu bewundern.
Lauter, ehrlich verdienter Jubel für alle Beteiligten.
Regisseur Janusz Kica hat zum Auftakt der Wiener Theatersaison ein kleines Wunder der Differenzierungskunst vollbracht. Clausen (Michael König), ein Löwe mit Silbermähne, glüht vor Unrast. Die Huldigungen der Angehörigen nimmt er ungehalten entgegen. Sein Kopf brennt ihm, weil er in den eigenen Kindern die parasitären Schwächlinge erkennt. In Flammen steht auch das Herz. Clausen liebt eine noch nicht zwanzigjährige Kindergärtnerin (Martina Ebm). In ihrer Gestalt erblickt er die vermeintlich guten Seiten der neuen Zeit: Vorurteilslosigkeit, das Bestehen auf dem Wahrheitsgehalt der eigenen Gefühle.
Kicas Inszenierung bahnt das Verhängnis vorsichtig an. Nachdem die Liebesgeschichte ein wenig ausgenüchtert heruntererzählt ist, kommt es zur entsetzlich komischen Katastrophe am deutschen Frühstückstisch. Die Rotte der Kinder verbündet sich gegen den Eindringling, die junge Inken (Ebm). Clausen bewahrt inmitten des sich anbahnenden Unheils lange Zeit Geduld und Übersicht. Die Nachkommen heucheln im blauen Dunst der Zigaretten ernste Sorgen um den liebestollen Herrn Papa.
Die Faktoten und Freunde des Kommerzienrats knastern, was die Glimmstängel hergeben - und genießen die Tragödie dieses bürgerlichen König Lear stillschweigend. Dem Verdammungsurteil des Greises folgt dessen unabwendbares Verhängnis. Der vor Rechtschaffenheit in den Gelenken knirschende Professorensohn (Christian Nickel), die Damen mit dem gesunden Wirklichkeitssinn (Knof, Stilp, Marina Senckel), sie alle bilden das bürgerliche Echo auf die Lear-Töchter Goneril und Regan.
Jede Figur ist in dieser famosen Aufführung mit feinem Tintenstrich gezeichnet: der aasige Hausarzt (Siegfried Walther), der betuliche Justizrat (Nikolaus Okonkwo), der gespenstergleiche Kammerdiener (Alexander Waechter), der hilflose Gelehrte (André Pohl).
Bald schwebt ein Entmündigungsverfahren über Clausens ergrimmtem Haupt. Sein später Trieb kommt ihm abhanden, er selbst gerät von Sinnen. und so gilt es anzuzeigen: Wien besitzt in der imposanten Gestalt Michael Königs einen neuen, modernen, in seiner Ohnmacht allgewaltigen König Lear.
Besseres kann dieser Stadt gar nicht passieren.
(Der Standard)

Großes Ensembletheater auf überaus solidem Niveau. 16 Schauspieler bevölkern im Verlaufe des zweieinhalbstündigen Saisonauftakts die Bühne, und etliche davon verfolgt man mit Interesse bei ihrem Tun.
(APA)

Subtile, sympathisch-trockene Inszenierung,...einiges an Komik...stimmige Gesamtleistung.
(Profil)

Eine nahezu makellose handwerklich beeindruckende Vorstellung.
(Kurier)

Exzellent.
(Österreich)

Janusz Kica muss niemandem beweisen, dass er ein guter Regisseur ist, er zeigt es durch seine Arbeit. "Vor Sonnenuntergang" spielt bei ihm in minimalistischer Ausstattung von Karin Fritz auf einer Drehbühne, mit dem nötigen spartanischen Mobiliar, in zeitlos heutigen Gewändern. Allein das versetzt das Geschehen in Zeiten, die vergangen sind, an die man sich aber noch erinnert. Eines jedenfalls wird klar: Wo immer es um Geld geht, werden die Menschen zu Hyänen, man könnte "Vor Sonnenuntergang" in jeder Zeit spielen, wenn man es nur richtig macht - wie in der Josefstadt.
Da ist die Tochter Bettina, die sich an den Vater klammert (Pauline Knof), eines jener Geschöpfe, die sich ihre Funktion auf Erden durch Dienen zu erringen hoffen (und in aller "Bescheidenheit" ihren Lohn einfordern) - eine stille, starke Studie, nicht ohne bestrickende Details in ihrer scheinbaren Schlichtheit. Marina Senckel als Tochter Ottilie liefert das Porträt der Unentschlossenheit, bleibt aber ein wenig im Hintergrund, vielleicht, weil Martina Stilp als Schwiegertochter Paule bei ihrem Josefstadt-Einstand so stark ist: Gewiß, die Rolle bietet einiges an Rücksichtslosigkeit und Zynismus, aber das muss man einmal ohne allzu vordergründige Klischees so nachdrücklich, ja stellenweise fulminant hinknallen.
Das ist ja Stärke und Schwäche bei Hauptmann zugleich: Dass seine Figuren wie auf dem Reißbrett entworfen sind, jeder ein Typ, der für eine Aussage steht, aber natürlich dennoch stimmt - der Wissenschaftler-Sohn Wolfgang, dem Christian Nickel Schwäche und vergeblich versuchte Stärke gibt, der 20jährige Egmont, der einfach nur in seinem hedonistischen Dasein in Ruhe gelassen werden will, was man Alexander Absenger jede Sekunde glaubt, und der proletarische Schwiegersohn Erich Klamroth, den Raphael von Bargen geradezu dankenswert zurückgenommen spielt. Kica weiß schon, warum er die Darsteller nicht hochschaukelt, sondern eher zurücknimmt. Er bedient keine Groteske, mit der er falsche Lacher holen würde.
Auch die Gefährten des alten Geheimrats kommen aus dem Bilderbuch: Wunderbar, wie André Pohl den Professoren-Freund aus Cambridge Anteilnahme gibt, ohne zu triefen, wie Siegfried Walther als Familiendoktor missbilligend allem zusieht, was er da mit ansehen muss, besonders schön die Studie des gar nicht klischierten "alten Dieners", den Alexander Waechter mit ganz eigener Intelligenz ausstattet. Matthias Franz Stein dient sich wieder und weiter in seiner Karriere mit der Nebenrolle eines vermutlich auch recht gescheiten Sekretärs hoch.
Neben der Familie gibt es noch die einigermaßen "bösen" Anderen, wobei Nikolaus Okonkwo als Hanefeldt ganz vorzüglich ist.
Triefend und dabei so hintergründig wie im Kino ist Alexander Strobele als Pastor, der auf der falschen Seite steht, für eine schleimige Oberbürgermeisterin hat man Susanna Wiegand in genau das richtige geschmacklose Gewand gezwängt, und Therese Lohner schließlich als Mutter des jungen Mädchens, um das es letztendlich geht, spielt die schlichte Frau nicht zu schlicht. Für den Geheimrat Clausen ist Michael König, der lange Zeit im Burgtheater heimisch war, eine sehr gute Besetzung. So sehen 70jährige heute aus, denen man glaubt, dass sie auf junge Frauen attraktiv wirken, darüber hinaus besitzt er, ohne große Gesten zu benötigen, sowohl die Ausstrahlung des großen Firmenchefs wie auch des Intellektuellen. Kein Blender, vielmehr noch einer aus einer Generation großer alter Männer, wie es sie früher gegeben hat.
Der alte Gerhart Hauptmann, der es auf unseren Bühnen nicht leicht hat und kaum mehr gespielt wird, hat in der Josefstadt diesmal großes Glück. Seine Geschichte vom Recht der Alten und der Gier der Jungen wird so erzählt, dass man sich ihr nicht entziehen kann.
(Der Merker)

Nicht jeder kann wie Hauptmann in solchen Krisen ein Drama schreiben oder wenigstens wie sein großes Vorbild Johann Wolfgang von Goethe eine "Marienbader Elegie". Dessen langer Schatten liegt auf dem gesamten Stück - Zitate des Klassikers allenthalben, und auch voller Weltschmerz.
Dass solche Gefühle bei der Aufführung in der Josefstadt zur Geltung kommen, ist den hervorragenden Darstellern des ungleichen Paares zuzuschreiben (siehe Foto): Michael König ist ein prächtiger Patriarch und überzeugend auch im Untergang, so wie Martina Ebm ihre Zuneigung zu dem Sugar Daddy wohldosiert zeigt, um schließlich wie eine Löwin um ihn zu kämpfen. In dieser Hinsicht kann man von einem erstklassigen Abend sprechen.
(Die Presse)

In zwei Sternstunden der Schauspielkunst führt Michael König in körperlicher Hochspannung vor, was in gutem Zustand alternde Männer plagt. Lebensgier und Sterbensangst. Starrsinn bis hin zur Verblendung: "Ich kann nur so oder gar nicht leben." Wie in "König Lear" wollen die Kinder den Alten vom Thron stürzen. Bettine, die verhuschte unter den Töchtern, zwar ebenfalls, aber liebevoll. So, wie es vielleicht nur Pauline Knof zeigen kann. Nur sein Jüngster, ein Berufsversager, bleibt ihm treu. Der Witwer Clausen hat in Inken, der Tochter (Martina Ebm eine Liebende ohne Gift und Süße eines Biests) seines Gärtners Witwe (Therese Lohner als herbe starke Durchalterin), sein Überlebenselexier entdeckt. Der Nachwuchs bangt um Ruf und Erbe. Dem Vater macht es Spaß, noch einmal seine Vitalität auszuspielen.
Johannestrieb? Weit mehr. Michael König, zuletzt am Burgtheater, zeigt Clausens tragisch-absurdes Aufbäumen. Er will Tabula rasa machen, lacht Vaterpflichten und gesellschaftlicher Konvention hohn. Die mittelständischen Generationswechsel sind ein Ewigkeitsthema im Familienfernsehen. Janusz Kica bringt mit seinem glanzvollen Ensemble auf die Bühnenwaage, was das Theater kann und der Spielfilm nicht. Minimalistische Andeutungs-Ausstattung (von Karin Fritz). Gedehnte Einsamkeitsbilder. Kollektives Verstummen aus Verlegenheit. Anschwellendes Hassgemurmel der jungen Ursurpatoren. Sonderausstellungen großer wie kleiner Gesten. Raphael von Bargen entblößt das rohe Wesen des Eidams, wenn er sich mit Musiknoten Hundekot von den Schuhen wischt. Michael König holt den Ring, den er Inken aus dem Familienschmucktresor holt, in ein Papiertaschentuch gewickelt aus dem Hosensack. Die drohende Entmündigung macht ihn vorab schon unmündig. Vor Inken rollt er sich ein wie ein nacktes schutzflehendes Kind. Unheimlich ergeben Alexander Waechter als Diener, wenn er das Giftfläschchen reicht.
Über allem das Dichterwort mit seinen Verbeugungen Richtung Shakespeare und Goethe, Hauptmanns Wortschwall ist klug eingekürzt und klingt aus den Mündern der Kinder munter heutig. Der Patriarch aber steckt halb in einer älteren Welt.
(Wiener Zeitung)

Janusz Kica hat wunderbar reduziert und wie einen Thriller inszeniert.
(Falter)

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